Kolumnen

Die Zuckersüße froher Tage

Saarbrücker Zeitung

Es heißt ja, die heutigen Kinder würden zu ungesund essen. Zu viel Süßes, zu viel Zucker, überhaupt zu viel! Da frage ich mich, ob das früher so großartig anders war. Können Sie sich auch an die Zeiten erinnern, als an nahezu jeder verfügbaren Hauswand ein Kaugummiautomat hing? Gefüllt war er mit rundem Kauzeugs in bedenklich grellen Farben, die wir aber lustig und schön fanden. Noch schöner fanden wir, dass in dem Automat auch Plastikdinge drin waren, Ringe, Figürchen, Autos, Flummis. Hach, für 10 Pfennige konnte man sich das Paradies kaufen! Also, wenn man Glück hatte. Man wusste ja nicht, was nach Geldeinwurf und Drehen des Knaufs hinausplumpsen würde. Schon diese Spannung war paradiesisch, im Bestfall fiel einem was völlig Unverhofftes in die Hände. Die Kaugummis haben wir stets bedenkenlos gefuttert, nachdem wir die harte Glasur geknackt hatten. Mit Vorliebe stopften wir auch Eiskonfekt in uns hinein, das war in plissierte Förmchen gepackt. Außerdem haufenweise Brausepulver, weil es unvergleichlich auf der Zunge prickelte, bloß Wassereis konnte da mithalten. Wagemutige konsumierte beides gleichzeitig, was zu explosionsartigem Zungenbeben führte und zu blauen oder grünen Verfärbungen. Das Eis war ja nicht farblos, hoffentlich waren das Lebensmittelfarben! Also, früher gab es jede Menge nicht allzu Gesundes, das uns aber am allerbesten mundete. Dass sich der Geschmack eines Kaugummis meist bereits nach einer Minute verlor und so ein Wassereis eigentlich recht schal war, merkten wir gar nicht. Wir hatten Spaß. Wir waren froh, wir wollten Abenteuer. Heute wissen wir, es ist verwunderlich, dass wir trotz dieser speziellen Genüssen recht gesund groß geworden sind. Wir haben ja nicht nur gefuttert, wir sind auch auf Bäume geklettert. Hatten die Welt im Blick und die Hosentasche voller Schätze. Und voll klebriger Kaugummis…

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Gespräch mit einer Zauneidechse

Saarbrücker Zeitung

Wissen Sie, wie Sie sich als Erwachsener effektiv verdächtig machen? Indem Sie auf Bäume klettern, sich ins Geäst setzen, die Beine baumeln lassen und fröhlich vor sich hin pfeifen. Bei Kindern gilt solche Unternehmung als wagemutig, charakterbildend und gesund. So lange sie nicht unfreiwillig vom Baum wieder runterkommen und sich die Knochen brechen. Bei Erwachsenen dagegen scheint eine völlig gleichartige Bewegungsleistung ihr gesundes Potential eingebüßt zu haben. Der erwachsene Baumhocker gilt schnell als verhaltensauffällig, kurz: als deppert! Man geht davon aus, er habe nicht alle Tassen im Schrank. Vielleicht ja nicht mal ein Tassenaufbewahrungsmöbel! Ähnlich wirkt ab einem Alter, das die Adoleszenz überschritten hat, vergnügtes Seilspringen, Himmel und Hölle-Hüpfen, überhaupt auf dem Boden mit Kreide malen, an einem Bach einen Damm bauen oder nachts in der Wiese schlafen. Auch die selbstvergessene Kommunikation mit Tieren scheint für die meisten Leute nicht zu den seriösen Tätigkeiten zu zählen, diejenige mit Haushunden offenbar ausgenommen. Schon das längere Gespräch mit einer Katze erachten viele Mitmenschen als recht dubios. Auch freundliche Plaudereien mit Gartenvögeln und Mäusen sind nicht besser angesehen. Warum bloß besitzt alles, was früher richtig Spaß gemacht hat, wenn man groß geworden ist, einen schlechten Leumund? Hoch oben auf dem Baum ist die Aussicht ja immer noch am schönsten, am besten schmecken die Kirschen, die man sich frisch gepflückt in den Mund plumpsen lässt. Nirgends ruht es sich herrlicher als ausgebreitet auf dem Wiesenboden. Und haben Sie mal mit einer Zauneidechse übers Wetter geredet? Das ist bereichernd. Man kann’s auch handhaben wie sie. Sie macht sich keine Gedanken über ihr Renommee. Hat aber einen Platz an der Sonne…

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Ei der Daus

Saarbrücker Zeitung, 12. Januar 2021

Manch schönen Worten droht der Absturz in die Vergessenheit, weil sie niemand mehr in den Mund nimmt oder aus der Feder fließen lässt. Fürbass gehört dazu.

Was für ein wunderliches Wort das ist: fürbass. Kürzlich ist es mir wieder vor Augen gekommen, das hat mich erinnert, dass ich es mag. Kaum noch jemand benutzt es ja, dabei klingt es so freudig, beschwingt und frohgemut. Irgendwie nach Frühling, danach sehnen wir uns doch alle. Gelesen habe ich es in Wolfgang Hildesheimers kurzer Erzählung „Der Riese“, wo ein wackerer und fleißiger, doch leicht beschränkter Bauernsohn „ein gar lustig Liedchen pfeifend rüstig fürbass schritt“, eben diesen Riesen zu töten, um dafür die Hand der Königstochter zu bekommen. Die übrigens deren Papa gar nicht verehelichen will. Bloß den Riesen möchte er los sein und dafür eventuell eine Rente oder so spendieren. Sei dem, wie es sei. „Fürbass“ und seine Abwandlungen kommen aus dem Alt- bzw. Mittelhochdeutschen, zusammengesetzt aus „für“ und „bass“, was „besser vorwärtsschreiten“ bedeutet und was hübsch Musikalisches hat. Wenn das nicht befreiend ist, forsch und unmaskiert einherzuwandern. Der Bauernsohn geht seiner guten Laune allerdings bald verlustig, weil er sich zwar erst noch, „Ei der Daus“ rufend, wundert, als er eine Pfauenfeder und einen Mühlstein findet. Dass er letzteren dem schnarchenden Riesen ins Maul wirft, bekommt ihm jedoch schlecht, der  verständlicherweise verstimmte Hüne verspeist den Jüngling. Besser geht’s dem, der gar nichts tut, außer dekorativ in einer Wiese zu liegen: seinem faulen Bruder. Weil ihn die des Wegs kommende Königstochter wohl ansehnlich findet, legt sie sich recht pragmatisch daneben, schon ist das Glück der beiden gemacht. Manche Mädchen sind fix, auch der König ist begeistert, und so könnte alles gut sein, nur den Riesen hat man leider vergessen. Was lehrt diese Geschichte: Dass sich Fleiß am besten mit Verstand paart, auch Dummerjane munden und ein Riesenappetit selbst vor einer kompletten Hochzeitsgesellschaft nicht halt macht…Und die Moral? Nicht wirklich auszumachen. Ei der Daus!

PS: Zu finden ist diese amüsante Mär in dem bereichernden Band: „Ratzfatz. Die schnellsten Vorlesegeschichten der Welt“ des Diogenes Verlags mit famosen Illustrationen von Tomi Ungerer.

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Obacht -Buchschlag!

Saarbrücker Zeitung, 29. Dezember 2020

 Manchmal stürzen Bücher aus Regalen. Wer sie zur Hand nimmt, sich erinnert, der macht womöglich eine Reise – vielleicht in seine Kindheit, vielleicht ins pure Abenteuer.